bis das der Tod uns scheidet

Ich wollte einen Mann kennen lernen, der diesen Satz ernst nimmt, auch wenn es für ihn
sehr schwer ist.
2008 habe ich einen gefunden, in Beierfeld besucht und interviewt.
Seine Frau erkrankte 1996 an Alzheimer. Bereits ein Jahr später wusste sie ihren Geburtstag nicht mehr.
Insgesamt 5 1/2 Jahre hat er sie gepflegt.
Ich fragte ihn nach der Motivation und nach Dingen, die ihm sehr wichtig geworden sind.

Hier nun einige Sätze von ihm:

Ich bin 3 Tage herumgerannt wie betrunken.
Helfen wollte ich, aber dabei nicht kaputt gehen.
Die Ärztin und die Familie wollten das ich sie weggebe.
Das konnte ich nicht. Habe ich ihr doch versprochen: „In guten wie in schweren
Zeiten“.
Man darf NIE fragen: „Warum gerade ich?“
Das ist eine Einbahnstraße!

Es ist so! Sie hätte das auch für mich getan.
Ich hatte mich auf eine sehr lange Zeit eingestellt.
Mindestens 10 Jahre.
Nach ihrem Tod bin ich in ein weiteres Loch gefallen.
Treue war unser oberstes Gebot und ich habe es nie bereut.
Das Sexuelle spielt in der Ehe eine große Rolle, man darf sich davon aber
nicht beherrschen lassen.
In der Zeit der Krankheit war die Sexualität nicht mehr wichtig.
Überlebenswichtig war für mich, jede Woche einmal was Schönes erleben
(Fahrrad, Kino, Sauna, Schwimmen. Zeit für sich selber und Pünktlichkeit.
Ich habe Frieden.

(das Bild ist nicht von diesem Ehepaar)

3 Gedanken zu „bis das der Tod uns scheidet

  1. Diese Geschichte könnte eins zu eins auf meine Großeltern passen.

    Mein Opa pflegte meine Großmutter ebenso über ca. 10 Jahre. Anfangs zu Hause. Nachdem es so schlimm wurde, dass es zu Hause zu gefährlich und zu kräftezehrend wurde und mein Opa daran kaputt gegangen wäre, hat er sie in ein Pflegeheim gegeben. Für manche im Umfeld spät.

    Nachdem er sie ins Pflegeheim gegeben hatte, hat er sich nicht etwa zurück gezogen und seine neue Freiheit genossen. Nein, er ist täglich zwei Stunden am Vormittag und zwei Stunden am Nachmittag ins Pflegeheim gegangen und hat dort seine Frau gepflegt, ausgefahren, gefüttert…
    Im Lauf der Jahre musste er sich immer wieder Sätze anhören, wie: „Fahr doch mal in den Urlaub.“ „Nehm dir mal ne Auszeit.“ Achte mehr auf dich.“ „Du musst nicht jeden Tag im Pflegeheim sein, dafür gibts doch das Personal.“

    Er hat sich dabei aufgeopfert und sich gegen viele „Kritiker“ durchsetzen müssen um für seine Frau da zu sein. Seine Begründung: „In guten wie in schweren Zeiten.“

    Lustig finde ich, dass der Mann der oben beschrieben wird, auch so kleine Hobbys noch hatte um abzuschalten. Bei meinem Opa war es auch das Schwimmen und in die Sauna gehen, dazu kam noch das er zum Fußball gegangen ist.

    Ich habe jetzt im Rückblick ne übelste Hochachtung vor meinen Opa, was er da getan hat. Für ihn war das selbstverständlich. Wäre es das für uns auch?

  2. Solche Geschichten aus der Familie kann ich dankbarerweise auch erzählen … aber vielleicht finden sich ja noch andere Lebensgeschichten aus der Region 🙂

  3. Bei solche Geschichten werden die Prioritäten mal wieder hinterfragt und gerade gerückt!

    Das macht nicht immer Spaß und auf den ersten Blick bringt dir das nichts Omi zu besuchen. Zumal sie so anders und schwerhörig ist. Aber, dass sie sich darüber riesig freut ist es doch wert, oder?

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