wenn er einmal Verstand hat …

Aus dem Tagebuch einer Hebamme:

Inzwischen brüllte das Söhnlein genauso, wie es zuvor die Mutter getan.
Hab selten ein so ungutes Kind in die Hand bekommen.
Es schien, als ob alle Unbeherrschtheit und aller Zorn von Vater
und Mutter sich in ihm zusammengefunden hätte.
Von Anfang an war er der Haustyrann.
Bei Tag wollte er schlafen, bei Nacht musste ihn die Magd durch alle
Stuben tragen, dass er nicht brüllte.
Ich erhob Einspruch dagegen:
„Erzieht den Burschen vernünftig. Er hat schon etwas mitgebracht,
was nicht gut ist. Gewöhnt ihn beizeiten an Gehorsam, Selbstbeherrschung
und Ordnung.“
„Ach nein, man muss dem Kind seinen Willen lassen. Es ist ganz falsch,
den Willen zu brechen, wie man es früher getan hat.“
„Gewiss soll das Kind einen rechten Willen haben.
Den soll Man stützen und pflegen. Aber es ist doch ein Unterschied
zwischen Eigensinn und Zorn und vernünftiger Willensbildung.
Mit dem uneingeschränkten Erfüllen aller seiner Wünsche und Begehren
erzieht ihr das Kind für das Zuchthaus.“

Später hat der Sohn seinen eigenen Vater mit dem Metzgerbeil erschlagen.

Bände könnte unsereiner schreiben von Elterndummheit,
die durch falsche Erziehung, oder durch gar keine, das Unglück
über ihr Kind selbst gebracht hat. Früher gab es in den Familien
noch einen gewissen Brauch, nach dem man erzogen hat.

(aus: „Mit Zwillingen fing es an“ von Lisbeth Burger)